China oder "Ballade pour Adeline"

Der gemeine Chinese tut sich zunächst, zumindest aus meiner Sicht, durch zwei bis mehrere Dinge besonders hervor: Haarsträubendes Verhalten im Straßenverkehr, geheimnisvolle Esskultur und musikalisch übersichtlich orientiert. Und wenn man emotional einen Zugang gefunden hat, dann sind das extrem liebenswerte Menschen.

 

Der punktgenau organisierte Transfer vom Flughafen Peking zum Hotel öffnet einem gleichmal richtig die Augen, Jetlag hin oder her. Du steigst hinten ein, flezt Dich erst mal bequem ins Auto und lässt den Gurt Gurt sein. Das ändert sich nach ca. 500 Meter. Ich bin plötzlich hellwach, suche unauffällig nach dem Gurt. Der ist aber eingeklemmt in der Rücksitzbank verstaut. Im Land des Lächelns will man sich als Europäer a) nicht gleich daneben benehmen, sowie b) als versiert genug erweisen, einen geklemmten Gurt auch ohne fremde Hilfe frei zu bekommen. Die erste Hürde mit Erfolg genommen und man fühlt sich auch gleich besser. Klick, erst Gurten, dann starten. Weiß man doch.

 

15 Millionen Menschen leben in Peking, davon fahren aber gefühlte 25 Millionen Auto und von diesen 25 Millionen wollen wiederum gefühlte 10 Milliarden zur gleichen Zeit über dieselbe Kreuzung. Diese 10 Milliarden teilen sich nochmal in 8 Billionen Autos, 2 Quadrilliarden Fußgänger und Rikschafahrer, sowie Fahrradfahrer. Und alle wollen über die Kreuzung. 

 

Das geht so: Irgendwo im Leuchtreklamen-Dschungel befindet sich eine Ampel. Rot. Die Kreuzung, immerhin 6-spurig x 2 = 12 spurig plus 2  „slowdrive“-Spuren. 

 

Auf drei Spuren stehen im Normalfall in Peking 5 Autos, sowie dazwischen zwei Rikschapiloten, alle schwer entschlossen jetzt nicht nachzugeben. Die während der Rotphase querenden Fußgänger werden per Dauerhupkonzert schon mal vorgewarnt den Zebrastreifen sicherheitshalber zügig zu räumen. Der Querverkehr kommt im Kreuzungsbereich Kollaps bedingt zum Erliegen, unsere Richtung erhält Grün. Im selben Moment, in dem ich mir noch denke, dass es jetzt wenig Sinn macht da noch reinzufahren, stehen wir, zusammen mit 10 Millionen Autos/Rikschas/Bussen in der Kreuzung und hupen uns gegenseitig an. Und jetzt kommt der große Unterschied zu Europa: Bei uns wird gehupt, angebrüllt, gegebenenfalls auch ausgestiegen und emotional diskutiert, im Extremfall auch mal die Polizei in Anspruch genommen. In Peking wird einfach nur gehupt um anzuzeigen, dass man da durch will. Sonst nix. Und nach wenigen Minuten fährt mein Lift auch wieder. 

 

Einer unserer Fahrer erwies sich, sofern man mal das Vertrauen in seine Fahrweise gefunden hat, als asiatischer Niki Lauda. Für so eine Fahrweise würdest Du bei uns mindestens in Beugehaft genommen werden. Vor einer psychologischen Untersuchung. Aber im Ernst, der hat's drauf gehabt. Eine einzige emotionale Regung war zu erkennen, als Niki Lauda uns mit 120 km/h auf der Dreispurigen ins Hotel fuhr und ihm dabei ein Rikschafahrer auf einem Zebrastreifen in die Quere kam, hat er mal kurz mit der Zunge geschnalzt. Aber tapfer auf dem Gas geblieben, da kann man nix sagen. Ich meine, er hat noch kurz drüber nachgedacht, den Scheibenwischer vorsichtshalber einzuschalten. Den Rikschafahrer hat's vermutlich vom Luftzug ein Stück versetzt, er hat auch nur ein bisserl verdutzt geschaut. Das war ein Moment, in dem wir unsere bis dahin angeregte Unterhaltung für einen kurzen Moment unterbrachen. Aber nur kurz.

 

Über die chinesische Küche wird viel geschrieben, viel erlebt, viel gemutmaßt. In mehreren teilweise heroischen Selbstversuchen haben wir nachfolgende Erkenntnisse gesammelt:

 

Es gibt in Peking unterirdische Restaurants und, wen verwundert's, oberirdische. Die Oberirdischen kriegt man mit einigermaßen klarem Menschenverstand und ein wenig Logik auch noch geregelt. Da wird meist Englisch gesprochen, sodass man sich verständlich machen kann und ein Bier beispielsweise dann auch ein Bier ist. Und kein Becher warmes Wasser, unterirdisch.

 

Foodietown! Rolltreppe runter, geschlossene Läden, breiter Gang, wenig Licht. 100 Meter weiter, unterirdisch, sieht's nach chinesischer Geschäftigkeit aus. Kann sein, dass wir dort zu Essen bekommen. Oder eine auf's Maul.

 

Um das mal ein wenig zu visualisieren, das sieht aus wie eine der alten Mehrzweckhallen (Heute: Eventarena), in der ringsrum einige kleine chinesische Garküchen ihre Kostbarkeiten feilbieten. Die Speisekarten sind aber ausschließlich in chinesischen Lettern verfasst. Einige haben vergilbte Fotos einlaminiert, die auch nicht recht viel mehr Zuordnung brachten.  Dann haben wir einer Einheimischen zugesehen wie wir eventuell auch zu einem Essen kommen. Man muss sich an der Theke seine Wünsche in einen Plastikkorb legen, Richtung Kasse bewegen. Dann sagt die Kassiererin etwas Unverständliches zu dir, du antwortest ebenso unverständlich und die Dinge nehmen ihren Lauf. Zwei Minuten später ist alles wieder da, gekocht, übersichtlich, sowie zweckmäßig arrangiert. Das ist dann irgendwie so ein wenig wie an einer 10 Millionen-Kreuzung. Emotionslos. Macht aber satt. Wir waren dann beide gespannt, ob wir wohl den nächsten Tag ohne Immodium Forte klar kommen. War ok.

 

Ich bin mir absolut sicher, es gibt einen Vertrieb für CD's von Richard Clayderman und David Sunborn, die sich ausschließlich auf den Verkauf von "Ballade pour Adeline“ und Sunborn's "Theme of the Mission..." spezialisiert haben. Im Fahrstuhl, im Frühstücksraum, auf der Toilette, im Restaurant, im Seminarraum, ja sogar im Fahrzeug zum Übungsgelände - Claydermann und Sunborn. 

 

Kein Scherz, jeden Tag zu gleichen Zeit läuft "Ballade pour Adeline" und im Frühstücksraum David Sunborn mit der Filmmusik zu "The Mission/Hauptrolle Ralph Fiennes". Und das läuft IMMER. Auch abends wenn wir nach einem arbeitsreichen Tag wieder zurück kamen. Gut, dass wir tagsüber nicht da waren, ich käme sonst in Blutrausch. Das nenn ich mal Planwirtschaft!

 

Was für den leidgeplagten Krankenkassenpatienten der Tinnitus ist, kann ein versierter Mediziner bei mir sicher auch diagnostizieren. Anstatt Pfeifton eben Claydermann/Sunborn. Die beiden waren mal schwer modern, gegen Ende der achtziger, Anfang neunziger Jahre. Claydermann im weißen Anzug, blonder Hansi Hinterseer Haarschnitt. 

 

 

Arbeiten mit Chinesen und Bayern in China. 


Zuerst mussten wir unseren Partnern dort erklären, dass es wenig Sinn macht, sich um 18.30 Uhr quer durch Peking zum Aufbau zu begeben, weils da halt schon dunkel ist. In dem Moment, in dem Kollege Zepi mit seinem unverwechselbaren Bayerischen Charme (......des gähd ja garned, because it makes koan Sinn...) am Telefon in die Stimme legte, war in China klar - die Beiden machen Ernst. In Deutschland ist das so, wenn mal eine Order rausgegeben wurde, wird sich umgehend in Bewegung gesetzt. In China wird die Order rausgegeben und dann passiert erst mal - nix. Dann drehst du dich zweimal um, machst was anderes, guckst wieder hin und alles ist erledigt. Bestes Beispiel war die Bewässerung. Zwei alte Schläuche, mit ungelogen ca. 13 Metern Länge für den ganzen Platz. Und Stund um Stund hat wohl irgendwer irgendwo hier 5 Meter, da 8 Meter, dort 9 Meter aufgetrieben, das Ganze mit Draht aneinander gefügt und Zack! Bewässerung lief. 

 

Da kann sich der Herr Gardena aber mal was ansehen...

 

Überhaupt, die vielen Helferlein. Als die mal verstanden hatten, um was es uns geht, nämlich einen perfekten Job abzuliefern, und dass das nur mit deren Hilfe geht, und dass wir unseren Job sehr wohl mit viel Emotion versehen - mein lieber Schwan! Die haben sich dann aber so richtig ins Zeug gelegt. Einer unserer Helferlein sah im Übrigen aus wie die asiatische Version von Harry Potter in jungen Jahren. Tag für Tag mehr Engagement, hat das System begriffen, selbstständig immer on top. Wir haben ihm dann, weil wir uns seinen Namen nicht merken konnten, (Ellis, oder Allis oder so ähnlich) den "Alois" verpasst. Er hat den Namen mit Stolz getragen und am Ende haben ihn seine Kollegen teilweise auch so genannt. 

Horst-Lars Müller

 

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