Als ich mit meinem Bruder die Entscheidung getroffen habe, Viktor Konstanty zu Ehren die 20. Metz Classic in Stein zu fahren, wusste ich nur im Groben, was auf uns zukommen sollte. Die ersten Informationen von Moni Ziebegk, die diese Veranstaltung schon mehrfach gefahren war und auch diesmal mit Klaus Stöcker um den Sieg kämpfen wollte, deuteten schon auf diverse völlig neue Erfahrungen für uns hin: Zweitagesveranstaltung mit ca. 240 Lichtschranken, mindestens eine Nacht-Prüfung sowie Fahren mit Tablet/Software und GPS. Da standen erst mal diverse Fragezeichen auf meiner Stirn! Bei unseren bisherigen Veranstaltungen waren wir ja nur in der Sanduhrklasse mit mechanischen Uhren unterwegs. Der Sprung zur elektronischen Zeitmessung ist gewaltig, nicht nur weil man sich mit dem Tablet und dem Messsystem gut auskennen muss, sondern weil dadurch auch der gesamte Ablauf, insbesondere in der Vorbereitung auf die Veranstaltung und im Start-Prozedere vor den Prüfungen, ein ziemlich anderer ist.
Die Moni hat dankenswerterweise mehrere Stunden geopfert, um mich von der Sanduhr auf die Elektronik fortzubilden, und mir dabei auch jede Menge Daten, die sie für sich aufbereitet hat, übergeben, ohne die ich definitiv noch mehr lost gewesen wäre als eh schon. Aber ein Positives für mich auf dem Beifahrersitz war schnell erkannt: Das Messsystem zählt sauber entsprechend der Vorgabezeit immer gleich präzise runter. Bei miesen Zeiten kann es keinen Vorwurf von Seiten des Fahrers mehr geben, dass ich falsch runtergezählt hätte. Super!
Mit dem Mercedes 280 SE Bj. 1972 meines Bruders fuhren wir also völlig entspannt (wegen guter Vorbereitung!) und sehr bequem nach Stein bei Nürnberg, wo wir freitags frühmorgens die Unterlagen abholten und uns dann für die nächsten 5 Stunden über die Bordbücher und die Karten hermachten, echte Fleißarbeit bei 19 Prüfungen und 230 Lichtschranken. Tablet (von Gabi Konstanty ausgeliehen, nochmals Dank dafür), GPS-Empfänger und Funkuhr fanden auf dem leeren Armaturenbrett mit Knete und doppelseitigem Klebeband ihren Platz.
Der biedere, wunderschöne MB 280 SE, Baureihe W108, mit der Startnummer 65 war in der Tiefgarage des Forums Stein zwischen den ganzen „Rallyeboliden“ ein echter Exot. Diverse Audi Quattro, zwei Lancia Stratos und eine Armada von Porsches bis zum GT3, viele in voller Kriegsbemalung, ausgerüstet mit allem Schnickschnack an Elektronik vor dem Beifahrersitz, was man halt für so eine Gleichmäßigkeitsveranstaltung braucht, ließen uns ehrfürchtig erstarren. Mei, waren wir gespannt, wie es uns ergehen würde!
Die Rallye lief für uns dann nicht ganz problemlos ab: Die ersten drei Prüfungen waren zum Üben mit all dem neuen Kram, Zeiten entsprechend mies, viel zu wenig konstant und unpräzise. Schnell stellte sich heraus, dass der 280 SE nicht unbedingt das geeignete Fahrzeug für diese Art von Motorsport ist, da viel zu träge und undynamisch, um auf den letzten Zentimetern bis zur Lichtschranke noch den entscheidenden Impuls geben zu können, weder durch Beschleunigen noch durch Bremsen. Da sind die Hundertstel schnell futsch!
Als bei der fünften Prüfung 25 Minuten Stillstand am Start herrschte, weil ein Bauer die Strecke blockierte, bin ich wohl irgendwie eingeschlafen, denn am Start versäumte ich sowohl die Zeitvorgabe für diese Prüfung am Tablet als auch die zur Sicherheit vorhandene Stoppuhr zu starten. Wir fuhren also ohne Zeit in die Prüfung, der Supergau! Ich versuchte dann noch über die Funkuhr einige Lichtschranken zu erreichen, aber in der ausgebrochenen Hektik und Panik im Auto war das eher wenig erfolgreich. Damit war schon mal klar: wir werden die Rallye nicht gewinnen!

Die restlichen drei Prüfungen des ersten Tages waren dann ganz ok, einmal sogar 33. von insgesamt 86 Startern. Die zwei Nachtprüfungen war ich mit einer soliden Stirnlampe ausgerüstet, da die Innenbeleuchtung des Benz nicht besser war als eine Kerze. Gleiches galt auch für Abblendlicht und Fernlicht, halt Bj. 1972.

Der zweite Tag ging schon in der ersten Prüfung mit einem am Start unwilligen Tablet los. Es zauberte aus bisher unerfindlichen Gründen beim Drücken der Starttaste Zeiten auf den Bildschirm, die mit der Realität nichts zu tun hatten, und die Software ließ dann auch keine anderen Funktionen mehr zu. Der Neustart der Software und der Versuch, Parameter zu ändern, war vergeblich. Die nächsten drei Prüfungen griff ich wieder zur alten Stoppuhr, war dafür aber nicht besonders gut vorbereitet. Was für ein Frust! Erst das komplette Reset des Tablets in der Mittagspause brachte ihn wieder in die Spur und uns zu einem normalen Ablauf zurück. Aber die Zeiten schwankten weiterhin, wurden aber mit der Routine durchaus besser. Irgendwie waren wir dann froh, als wir in Stein wieder durch den Zielbogen fuhren und das erste Bier vor Augen hatten.
Rückblickend hätten wir, wenn alles normal gut gelaufen wäre, vielleicht um den 50. Platz erreichen können, so wurde es nur Platz 65. Es ist einfach unfassbar, wie präzise und konstant die besten Teams im einstelligen Hunderstel-Bereich fahren. Moni und Klaus waren teilweise richtig super unterwegs, in einzelnen Prüfungen unter den ersten 10. Sie hatten dann aber auch leichte Aussetzer, die sie sich nicht erklären konnten, und landeten auf einem trotzdem großartigen 15. Platz im Gesamt.
Die Metz Classic 2026 war für uns eine sehr anstrengende, lehrreiche Erfahrung. Die Veranstaltung selbst war top organisiert und ist sehr zu empfehlen. Allerdings ist noch nicht klar, in welcher Form sie im nächsten Jahr fortgesetzt werden kann. Wir werden dann aber wieder dabei sein, denn jetzt wissen wir ja, wie es geht!
HeiCo
