Dakar 2024: Die gestohlene Düne
Tja, wie soll ich schreiben, oder besser gesagt ausdrücken, wie ich mich die letzten Monate gefühlt habe. Mit einem gewissen zeitlichen Abstand ist meine Teilnahme an der Rallye Dakar doch ein Ereignis, über das ich gerne berichte. Aber lass mich von Anfang an erzählen.
Ein Jahr der Vorbereitung und drei Wochen voller Abenteuer liegen hinter uns – eine Zeit voller Höhen und bitterer Erfahrungen. Für alle, die uns nicht kennen, ein kurzer Einblick in unser Motorsportleben.
Frank Thiel, ein echter Mannheimer, ist quasi mit Benzin in der Milchflasche groß geworden. Als Bike-Offroader und Rundstrecken-Ass fährt und schraubt er, seit er denken kann. Ich hingegen bin ein Motorsport-Spätberufener. Über meinen Job betreute ich jahrelang Teams und Fahrer an der Rennstrecke, bevor ich den Sprung auf den Rallye-Beifahrersitz wagte und bei nationalen Rennen zeigte, dass das Lesen des Roadbooks meine Passion ist.
Unsere Geschichte begann im November 2022. Unser Physio Christoph sagte mir, dass er einen Patienten habe, der einen Rallye-LKW besitzt und damit Rennen fahren will. Neugierig wie ich bin, bestand ich darauf, ihn kennenzulernen. Nach dem ersten Treffen war klar: Das passt. Ursprünglich wollten wir die Rallye Dakar als LKW-Team bestreiten, merkten aber schnell, dass der Gesamtaufwand zu groß war. Also entschieden wir uns um: Wir starten als KLV-Racing Team in der PKW-Wertung der Dakar Classic 2024.
Nach einigen Tagen intensiver Internet-Recherche fanden wir in Belgien den vermeintlich richtigen Wagen: einen Toyota Land Cruiser LJ70. Dieser war schon einmal 2022 bei der Dakar dabei, also wüstenerprobt und ans Ziel gekommen – genau das, was wir brauchten.
Wir holten das Auto aus Belgien ab und stellten schnell fest, dass noch einiges getan werden musste. Der Plan war, das Gewicht zu verringern und das Fahrzeug technisch sowie elektrisch auf Vordermann zu bringen. Was wir als mittleren Aufwand einschätzten, entwickelte sich zu einer Grundrestauration, die knapp neun Monate dauerte. Jede Schraube wurde angefasst, das Auto bis auf die nackte Karosserie auseinandergenommen, geschweißt, geschliffen, neu lackiert und wieder aufgebaut. Wir haben unzählige Meter Kabel geprüft, neu verlegt, getestet, geflucht, gebetet und uns gefreut!
Dabei konnten wir auf ein Mega-Team zurückgreifen. Freunde, Motorsportbegeisterte und unzählige Helfer unterstützten uns tatkräftig. Dank ihrer Hilfe schafften wir es rechtzeitig alle Arbeiten abzuschließen.
Am 30. November war es so weit. Nach ich weiß nicht wie vielen durchgearbeiteten Nächten luden wir den Land Cruiser um 5:30 Uhr auf und fuhren nach Barcelona, wo das Auto am 1. Dezember erfolgreich die technische Abnahme passierte und aufs Schiff nach Yanbu gebracht wurde. Ausgelaugt, aber erleichtert fuhren wir nach Hause und realisierten erst jetzt, wie anstrengend schon die Vorbereitung gewesen war.
Aber all der Stress war vergessen, als wir am 31. Dezember in den Flieger nach Yanbu stiegen. Die Vorfreude auf die Rallye wuchs von Sekunde zu Sekunde. Im Hafen von Yanbu holten wir den Land Cruiser ab und fuhren knapp 350 km ins Startcamp nach Alula. Die Stimmung dort war atemberaubend – Fahrzeuge aller Art und tausende Frauen und Männer mit einem gemeinsamen Ziel: eine erfolgreiche Dakar 2024. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke.
Knapp 7500 km, verteilt auf 15 Etappen, warteten in Saudi-Arabien auf uns. Die Spannung war enorm, da wir nicht wussten, was auf uns zukommen würde. Die Tage bis zum Start verbrachten wir mit Einstellungs- und Überprüfungsfahrten sowie allgemeinen Servicearbeiten am Auto.
Am 5. Januar ging es endlich los! Der Prolog rund um Alula mit 115 km, davon 25 km Wertungsprüfung, war die kürzeste Etappe. Hier konnten wir erste Rennkilometer sammeln und unseren Land Cruiser im Renntempo testen. Resümee: Gut in das Renntempo gefunden, keine Fehler gemacht, Pilot und Co-Pilot gut drauf, alles gut. Mit einer Einschränkung: Das Auto war bei schnellerer Fahrt auf der Hinterachse nervös. Aber wir wussten damit umzugehen.
Am 6. Januar starteten wir in Alula auf die erste Etappe mit 607 km, davon 278 km Wertungsprüfung. Gut vorbereitet ging es auf eine abwechslungsreiche Strecke mit Kiesstraßen, Sandauffahrten und Durchfahrten von Felsenformationen – einfach nur Spaß. Die ersten beiden Wertungsprüfungen liefen perfekt. Doch dann kam das Unglück.
In der 3. Wertungsprüfung brach nach nur wenigen Kilometern das Auto bei einer leichten Linkskurve hinten aus. Beim Gegenlenken geriet das linke Vorderrad in eine tiefe Spurrille, und das Auto überschlug sich dreimal. Wir blieben auf dem Dach liegen, das Auto total demoliert. Dank perfektem Sicherheitssystem blieben wir unverletzt, aber unser Traum von der erfolgreichen Zieleinfahrt bei der Rallye Dakar war (vorerst) geplatzt.
Mit Hilfe von Einheimischen und der Polizei in Al Hait wurden wir ins Camp nach Al Henakiyah gebracht. Dort wurden wir mit aufmunternden Worten und uneingeschränkter Hilfe, selbst von direkten Konkurrenten, wie z.B. Jörg Sand, empfangen. So bot z.B. Mohammed und sein Team von den Almuhana Racers an, den Toyota wieder fahrbereit zu machen. So übergaben wir unseren LJ an Mohammed und harrten der Dinge, die dann kamen. Nach Tagen des Wartens konnten wir in Riyadh wieder ins Renngeschehen einsteigen. Doch die ersten Kilometer zeigten, dass der Schaden zu groß war. Der Blinker ging auf der Strecke verloren, die Radaufhängung riss ab, das Lenkrad war lose, Vibrationen waren überall zu spüren – es gab fast nichts, was nicht kaputtging. Doch aufgeben war keine Option.
Wir wussten, dass wir nur ins Ziel kommen würden, wenn wir die Route täglich genau prüften, was fahrbar war. Dies bedeutete, alle Dünenprüfungen auszulassen – der Unfall hatte uns quasi „die Dünen gestohlen“. Trotz der Strapazen gaben wir nicht auf und schraubten jeden Abend am Auto. Klar mit der Strategie, nichts zu riskieren. Eine abgerissene Bremsleitung am vorletzten Tag bestätigte unsere Entscheidung, keine unnötigen Gefahren einzugehen.
Nach 15 aufregenden Renntagen erreichten wir euphorisch und bestärkt, dass wir trotz der ganzen Niederschläge nicht aufgegeben zu haben, das Ziel in Yanbu. Stolz, ausgelaugt, traurig, aber froh, es geschafft zu haben, kehrten wir nach Hause zurück. Am Flughafen in München wurden wir mit Banner, Musik und Wochinger Pils empfangen und schlossen die Dakar 2024 mit dem Resultat ab: Die Düne gestohlen, aber das Ziel erreicht!
Frank wird 2025 dieses in allen Bereichen faszinierende Rennen nochmals anpacken. Für mich heißt es, Daumen drücken und in Erinnerungen an meine eigene Teilnahme schwelgen.
Hartmut
