Der Junge, die Alten, der alte Schwede und das Eis. Trilogie. Teil I.
18ter Dezember 2023, Magra-Weihnachtsfeier. An unserem Tisch hat sich zu vorgerückter Stunde ein Gespräch ergeben. Es ging um die Historic-Ice-Trophy in Altenmarkt. Das ist so ein bisserl die familiäre Version des GP-Ice-Race in Kitzbühel. Weniger Prada, mehr Helly Hansen.
Der Stock Michi ließ mehr so beiläufig die Information fallen, dass er zwar gerne fahren würde, aber weder die Zeit, noch ein Motorfahrzeug dafür hätte. Das sind jetzt nicht gerade die besten Voraussetzungen zu einer Teilnahme. Irgendwann hat der Michi dann wohl gesagt, dass ich mich darum kümmern sollte. Ich hatte das aber vermutlich zwischen dem dritten, oder vierten Weißbier (weil Fahrradfahrer!) vergessen. Oder verdrängt.
Egal, jedenfalls hat der Präsi am nächsten Tag bei mir angerufen und die Ernsthaftigkeit ebendieses Gesprächs untermauert. Die Objekte der Begierde waren schnell abgegrenzt: BMW 3er Serie, Benz 190E, oder Volvo. Evtl. noch Porsche 944, oder 924, Baujahr älter 1994. Von der Papierform waren wir uns sicher, das Auto von Auto „Firma Ö“ in Ingolstadt muss es sein. Alles top!
Samstagvormittag, wir erkennen von weitem den Autodealer. Hätte aber auch gut ein Schrottplatz sein können, um´s mal vorsichtig zu formulieren. Wenn du als potentieller Käufer mit Geld auf den Hof eines Handelsplatzes fährst und du dir beim Anblick eines bauartgleichen Fahrzeug denkst: „was für eine Höhle“ für über 4000 €. Wie mag dann erst das Auto unserer Begierde aussehen? Für 3k. Ich kürze das jetzt mal ab – wir waren in ca. 8,3 Minuten wieder weg. Weitere Details sind an dieser Stelle überflüssig. Cappuccino trinken bei McDonald war dann die nächste Station. Die Croissants dort sind im Übrigen wirklich nicht schlecht. Wir haben dann noch versucht, einen weiteren Dealer zum Geschäft seines Lebens am Samstagvormittag zu überreden. Der hat dann gleich gesagt, dass er samstags nie arbeitet. Nie!
Ich hatte dann weiter alleine die Aufgabe, mich um ein Motorfahrzeug zu kümmern, da der Michi, wir wissen das, pyrotechnisch wieder das halbe Oberland zu Silvester erhellte.
Während meiner Recherche (die Suchmaschine von mobile.de ist da wirklich hilfreich) habe ich das dann alles ein wenig eingegrenzt, nach Summe (maximal 4500 €) Baujahr, Heimatnähe und optischem Zustand. Dann hatte ich einen Volvo 940GL im Focus, in Crailsheim. Zwar viele km, aber optisch, sowie der Beschreibung nach, könnte der was sein. Das Telefonat mit dem Dealer verlief trocken, fast emotionslos. Naja, der Verkäufer musste zwischen den Feiertagen arbeiten, da kann die Stimmung schon ein wenig abfallen.
Wenn man mit einem Nissan Cube vor einem Autohaus parkt und selbstbewusst reingeht, sich vorstellt als Kaufinteressent, kann einem folgendes passieren: Der Dealer steht von seinem Schreibtisch auf, um sicher zu gehen, dass der potentielle Käufer tatsächlich gerade mit einem Nissan Cube vorgefahren ist. (Der Cube wurde, nebenbei erwähnt, auf den 6.ten Platz unter den weltweit hässlichsten Autos von einer Journalisten-Jury gewählt) Und dann wurden mir, einfach so, die Volvo-Schlüssel ausgehändigt. Auto steht da hinten. Das war alles an Verkaufsgespräch. Rudimentär.
In manchen Dingen kann ich schon pingelig sein. Insbesondere dann, wenn mir Geld ausgehändigt wird, für das ich im Auftrag für jemand Anderen etwas besorgen soll. Das beginnt beim Einkauf im EDEKA und geht bis rauf zum Auto kaufen. Ich habe da entsprechend gegugelt, um mir die Schwachpunkte vom Schweden zu notieren und eine Liste erstellt. Das mache ich jetzt bei EDEKA nicht, zu aufwändig. Aber beim Autokauf schon, das erhöht die Chance auf harte Preisverhandlungen. Zu meinen Gunsten.
Da stand er dann, der alte Schwede. Baujahr 1990, mit H-Kennzeichen. Unter Bäumen geparkt, sichtlich schon länger, ein wenig verlebt, am Rande des Handelshofes. Erster Eindruck, nach Öffnen der Zentralverriegelung: Tür auf – geil, Fensterkurbeln! Ich vermute mal, dass die Generation, welche sich im Alter um die 20 rum bewegt, gar nicht weiß, was das ist, geschweige denn, wie man es bedient. Insgesamt waren es nur Kleinigkeiten, aber meine Liste war gut gefüllt. Mein Interesse galt zwischenzeitlich dem Handschuhfach, das sich ums Verrecken nicht öffnen lassen wollte. Irgendwann aber doch. Und da habe ich dann jede Menge Rechnungen gefunden, lückenlose Historie vom Fahrzeug. Handschuhfach sofort wieder zu gemacht und verschlossen. Notiert habe ich: Handschuhfach lässt sich nicht öffnen.
Ich fand dann im Verlauf einige Punkte, nach ca. 30 Minuten, die ich Preis beeinflussend verhandeln wollte. Probefahrt unauffällig. Ich hätte auch abhauen können, das nur nebenbei. Aber dann hätte der den Cube gehabt und den verteidige ich. Noch, aber dazu später mehr.
Der Dealer saß im Büro und bat mich Platz zu nehmen. Vielleicht noch erwähnenswert – mein Outfit: Mechanikerhose, ein Mercedes-Benz-Hoodie, sowie eine Daunenweste, auch von Mercedes. Und eine LED-Taschenlampe. So eine, mit der die TÜV-Beamten einem für gewöhnlich das Auto madig machen. Also optisch ein Experte. 4490 € waren gefordert. Ich habe ihm dann die Mängel erklärt, was er mit einem Nicken zur Kenntnis nahm. Auch, dass sich im Fußraum eine Feuchtigkeit befand, die dort nicht hingehört, wurde alles abgenickt. Den größten Fehler hat der Dealer damit gemacht, mir zu gestehen, dass der Schwede da schon ein viertel Jahr steht. Damit hat er sich verwundbar gemacht! Das Eichenblatt am Rücken, wie weiland Siegfried in der Nibelungen Saga. Die Preisverhandlung stand im Raum. Sein Chef war nicht da, aber telefonisch erreichbar. Gran Canaria, so hat er mir auch das verraten. Ich habe ihm dann angeboten, keinesfalls über 4000 € zu bezahlen. Und das erschien mir schon dreist, hab‘s aber gleich dem Michi getextet. Beiläufig wurde noch erwähnt, dass wir den Deal schließen könnten, ich habe das Geld dabei.
Dann wurde wild telefoniert und ich habe dann ein Gegenangebot um die 4200 € erwartet. (Wir erinnern uns – ich hatte 4 Mille geboten) Mein Gegenüber (den Chef am Telefon) sagt plötzlich: Ja, unter 3800 € geht der nicht weg. Da musste ich an Monty Python, das Leben des Bryan denken. (Was? Da zahl ich ja zu!) Für einen kurzen Moment zog ich in Erwägung 3900 € zu bieten, nur um das dann sicher ratlos/triumphierende Gesicht meines Gegenübers genüsslich zu studieren. Der 100er wäre das eigentlich wert gewesen, nachträglich betrachtet. Jedenfalls habe ich dann mit ihm den Vertrag gemacht und vereinbart, dass ich das Auto innerhalb weniger Tage vom Platz hole.
Am Drei-Königs-Tag habe ich dann ein SuperSparBonusFirstClass Ticket der Bahn geschossen. Für 29.90 € nach Crailsheim! Und dann auch noch pünktlich. Bin da ja a weng gebrandmarkt, seit dem Schneedilemma im Dezember. (Statt 7 h habe ich 32 h von HAM nach MUC gebraucht.) Rote Kennzeichen drauf, los geht’s nach MUC. Wenn man, so wie ich, eine Kaufentscheidung gefällt hat, aber sich bei einem gebrauchten Motorfahrzeug 1000 Imponderablen nachträglich rausstellen könnten, dann ist man, also ich, schon ein wenig angespannt. Aber – rauf auf die Rollbahn gen MUC, der Schwede grummelt brav vor sich hin. Alle Temperaturen im grünen Bereich, der Tank war zudem noch halbvoll. Kurz vor MUC wollte ich es dann doch wissen und habe die einzige Waschanlage, die offen hatte, angefahren. Danach – Strike! Der alte Schwede erweist sich als Glücksgriff.
Zu Hause angekommen hat Kathrin sofort gesagt, wenn der das Eisrennen gut überlebt, dann ist der Cube (genau, DER Cube) Geschichte. Doch dazu irgendwann mehr.
HoLaMü
